Gedanken zur aktuellen Debatte über die Regierungsbildung

von Lothar Binding Mitglied des Deutschen Bundestages

24.11.2017

Seit Montag haben mich viele verschiedene Zuschriften erreicht. Die einen fordern, die SPD solle unbedingt in die Opposition gehen. Andere fordern unbedingt Gespräche mit der Union zu führen, um eine erneute Große Koalition zu bilden. Es gibt auch die gegenteilige Forderung: allein auf Neuwahlen zu drängen. Oder weiter: wir sollen zwar Koalitionssondierungsgespräche mit der CDU führen, aber ohne schon eine Große Koalition anzustreben. Minderheitsregierungen mit unterschiedlichen Szenarien werden vorgeschlagen, aber auch eine Koalition aus CDU/CSU, Grünen und SPD. Um hier die wichtigsten Vorschläge zu nennen. In fast allen Zuschriften wird erwähnt, dass wir auf „die Basis“ oder „das Volk“ hören sollen, die der jeweilige Absender, die jeweilige Absenderin hinter sich weiß.

In einer ersten Konsequenz habe ich zu einer parteiöffentlichen Ortsvereins-Vorsitzenden-Konferenz eingeladen, um über unsere Position im Wahlkreis Heidelberg-Weinheim zu beraten.

Einige Zuschriften zeigen auch den Schock darüber, wie leichtfertig die FDP ihre Selbstvermarktung und Selbstüberschätzung fortsetzt und auch nach der Wahl gegen jegliche Verantwortung eintauscht.

Etwas irritiert bin ich darüber, dass inhaltliche Ziele und programmatische Aussagen bzw. Vorhaben in den wenigsten Zuschriften eine Rolle spielen.

Jedenfalls sollten wir alle Möglichkeiten einer Regierungsbildung – mit und ohne uns – sehr gut gegeneinander abwägen. Die SPD konnte in den vergangenen beiden Großen Koalitionen sehr viele gute Dinge umsetzen (Kurzarbeitergeld, Mindestlohn, …). Wir mussten dafür aber oft großen Unsinn mitbeschließen (z.B. die Maut) oder haben auf Druck von CDU/CSU Gesetze mit riesigen Schlupflöchern (Erbschaftsteuerreform) oder gar fast unwirksame Gesetze beschlossen (Gesetz gegen Kassenbetrug). Den Kampf gegen Steueroasen, der insbesondere nach der Veröffentlichung der Panama Papers wieder Fahrt aufgenommen hatte, wurde von der Union nur sehr halbherzig unterstützt. Auch bei den Paradise Papers werden das öffentliche Geschrei und die möglichen Maßnahmen (Gesetze) umgekehrt proportional sein: Je grösser das Geschrei, umso lächerlicher der konkrete Wille der Union zur Bekämpfung der Steuerschlupflöcher.

Es bleibt festzuhalten, dass eine erneute Große Koalition eine Koalition aus drei Wahlverlierern wäre. CDU, CSU und SPD haben zusammen 14 Prozentpunkte verloren. Ein Signal, das die SPD nach dem 24. September ernst genommen hat, indem Martin Schulz angekündigt hat, nicht wieder für eine Große Koalition zur Verfügung zu stehen. Wir müssen auch überlegen, was eine erneute Große Koalition bedeuten würde. Der Deutsche Bundestag würde eine Oppositionsführerschaft bekommen, die die demokratische Grundordnung unseres Staates ablehnt und zerstören will. Wir brauchen eine ehrliche Opposition, die unser Land voranbringen will, keine falsche Opposition, die uns in die 30er Jahre des letzten Jahrhunderts zurückkatapultieren will.

Wohin uns eine Große Koalition als Dauerzustand führen kann, konnte man vergangenen Monat in Österreich sehen, wo nun wahrscheinlich eine stramm konservative One-Man-Ego-Show mit den Rechtspopulisten regieren wird.

Wenn es Verlierer einer Wahl gibt, so gibt es auch Gewinner. Wenn sich aber nun der große Gewinner der Bundestagswahl, die FDP, die ihr Ergebnis mehr als verdoppeln konnte, einfach aus dem Staub macht, wird sie ihrer Verantwortung gegenüber den Wählerinnen und Wähler nicht gerecht. Und die Begründung von Christian Lindner für den Abbruch der Gespräche war doch eher dürftig. Man könnte sich die Frage stellen, ob er jemals ernsthaft regieren wollte. Wer sich die Sondierungspapiere anschaut sieht schnell, dass daran gezweifelt werden muss. Viel Show, viel Theater…

Bei der aktuellen Debatte über eine erneute Große Koalition, andere Konstellationen oder mögliche Neuwahlen verstehe ich die Eile nicht. Wir haben eine geschäftsführende Bundesregierung, die nach wie vor ihre Arbeit macht. Die SPD-Ministerinnen und Minister stehen dort zu ihrer Verantwortung. Es gibt also genügend Zeit, innerhalb der SPD über mögliche weitere Schritte zu diskutieren. Wenn ich sage innerhalb der SPD, meine ich auch innerhalb der SPD und nicht über lautstarke Zwischenrufe einiger Genossinnen und Genossen in irgendwelchen Medien. Damit lässt sich vielleicht Machtpolitik betreiben, aber sicher keine Gesellschaftspolitik. Wer sich übereilt und überhitzt in der Öffentlichkeit zu Wort meldet, schränkt in Wahrheit den Entscheidungs- und Debattenraum der Partei (das sind wir) ein.

Wie schon angedeutet: Mit den beiden Möglichkeiten Große Koalition oder Neuwahlen sind noch nicht alle Möglichkeiten abschließend aufgezählt. Es bleibt ja immer noch die Möglichkeit einer Minderheitsregierung in verschiedensten Farbkombinationen und der Frage, wer schließlich wen toleriert. Sollte die Kanzlerin dann immer noch Angela Merkel heißen, würde das für sie natürlich schwierig werden. Auch wenn sie das bisher noch niemals geübt hat: die Bundeskanzlerin müsste ihre Politik erstmals substantiell fachlich begründen, eigene Vorschläge machen und Entscheidungen treffen. Die Entscheidungsschwäche zu überwinden, nicht wie das Fähnchen auf den Wind zu warten, bevor es zu flattern anfängt… das wäre gut für unser Land.

Egal in welcher von uns tolerierten Minderheitsregierung oder Regierungsbeteiligung. Alles geht nur, wenn dabei wichtige sozialdemokratische Themen umgesetzt werden.

Die Inhalte müssen dominieren, aber so, dass der Preis dafür nicht irrational ist. Als wichtigste Punkte seien dabei zu nennen:

die Stabilisierung unserer sozialen Sicherungssysteme, insbesondere der Rente  (mit 67 flexibel) die Einführung der Bürgerversicherung in der Kranken- und der Pflegeversicherung

ein gerechtes Steuersystem, das 1. auch mit nationalen Maßnahmen Schlupflöcher schließt  und 2. starke Schultern auch stärker an der Finanzierung des Gemeinwohls  beteiligt

die entschiedene Arbeit gegen Steuervermeidung und Steueroasen  die Arbeit für ein starkes und solidarisches Europa  Lohngerechtigkeit zwischen Frauen und Männern

bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Förderung von Familien und Kindern,  Einsatz gegen Kinderarmut  der Ausstieg aus den fossilen Energieträgern zum Schutz von Klima, Umwelt und  künftigen Generationen   ein Investitionsplan zu den Themen Bildung, Wohnen, Digitalisierung und Verkehr  innerhalb und außerhalb der Oberzentren.  die Anknüpfungen an die Überlegungen von Martin Schulz   zur Überarbeitung von ALG II (Respekt der Lebensleistung),   der Sonderarbeitsformen (Befristung, Leiharbeit, Zeitarbeit, Werkvertrag,…)   und der Verbeitragung in der betrieblichen Altersvorsorge (GMG –  Gesundheitsmodernisierungsgesetz). die Verankerung unserer Vorstellungen zum Thema Migration:  Asyl ist unantastbar,  Kriegsflüchtlinge behalten ihre Schutzstatus,   Armutsflüchtlinge bekommen Aufenthalt nach einem neu zu schaffenden  Einwanderungsgesetz. Entwicklungszusammenarbeit auf neue Füße stellen – mit dem Fokus auf  Klimaflüchtlinge Die Friedensprojekt – deutliche Reduzierung der Waffenexporte

Ich möchte nicht wieder Teil einer Großen Koalition werden, da ich die Gemeinsamkeiten zwischen SPD und CDU zu großen Teilen aufgebraucht sehe. Die Frage ist aber, ob Neuwahlen ein anderes Ergebnis als die vergangene Bundestagswahl bringen werden. Von daher möchte ich auch keine Neuwahlen.

Aber die eigenen Wünsche lassen sich nicht immer zu 100% umsetzen, manchmal wünscht man sich sogar das Unmögliche… umso wichtiger ist daher, einen breit angelegten Diskussionsprozess innerhalb (und parallel natürlich auch außerhalb) der Partei zu ermöglichen, um die Entscheidung über die künftige Regierungsbildung demokratisch vorzubereiten.

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